Science Slam

GERECHTIGKEIT IN TAUSEND WORTEN. Text zum Science Slam in Konstanz am 17.07.2015

von Louise Haitz

“Ich habe nachgeschaut, wie viele Worte ich in 10 Minuten sprechen kann. Angeblich sind das 1000, deshalb heißt mein Science Slam:
GERECHTIGKEIT IN TAUSEND WORTEN. So Meta 😉

Gerechtigkeit in Tausend Worten – Das ist natürlich nicht genug. Deshalb muss ich einen Rahmen setzen, ich definiere meinen Gegenstand – alle die auf Etymologie abfahren haben‘s schon gemerkt: definieren hat was mit dem Lateinischen Wort fines zu tun, das heißt mit Grenzen und Rahmen sind natürlich sowas wie Begrenzungen. Und das war‘s schon mit dem Latein.
Diese Logik, dass der Gegenstand, das Objekt der wissenschaftlichen Beschäftigung nicht einfach ‚da ist‘ und dann mehr oder weniger objektiv be-schrieben wird, sondern durch das Schreiben oder heute „Slammen“ definiert und in einen Rahmen gestellt und dadurch her-gestellt wird – her, hier her in den Rahmen und hergestellt im Sinne von erzeugt – das ist ein grundlegender Gedanke der Medienwissenschaft, die ich studiere.
Damit ich das in meiner Argumentation wieder aufgreifen kann, das kommt rhetorisch super an, behaltet das bitte im Hinterkopf (also: Objekt nicht einfach da, wird nicht mehr oder weniger neutral beschrieben, sondern schreibend, definierend hergestellt).

Ok.
Wer Gerechtigkeit sagt muss auch Ungerechtigkeit sagen, zumindest mitdenken, um das eine vom anderen abgrenzen zu können, sodass sich Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im gegenseitigen Ausschluss wechselseitig definieren und damit in der Unterscheidung zugleich getrennt und verbunden sind.
Wenn mein Denken von Gerechtigkeit zugleich Ungerechtigkeit ein- und ausschließt also ent-hält (etwas enthalten – sich enthalten), was ist das dann für eine Grenze (Definition) zwischen den Begriffen?

Eine gedanklich ziemlich stressige Grenze.
Ein Riss als Linie, ein Ab-Grund für mein Denken. Sie setzt sich zwischen meine Begriffe wie das Schnabeltier zwischen Biber und Ente.
Es ist die Grenze, die ausgeschlossen wird, um meine Unterscheidungen zu ermöglichen und zugleich wie ein ungeladener Gast hinzutritt, mit den Kategorien spielt, sie zerbröselt, auf den Teppich krümelt und die schön geordnete Eindeutigkeit versaut.

Eindeutigkeit scheint aber wichtig zu sein, wenn wir bestimmen wollen, was gerecht ist und was nicht.
Zum Beispiel. beim Sport haben wir einen Begriff von Fairness, den wir als gerecht empfinden. Im Leichtathletik-Wettkampf trennen wir im Namen der Fairness in Läufer und Läuferinnen, Gewichtheber und Gewichtheberinnen, Weitspringer und Weitspringerinnen. Das sind nicht nur viele Wiederholungen mit dem Suffix -innen, das ist auch eine Opposition, ein Gegensatz, eine klare Unterscheidung zwischen genau zwei Geschlechtern.

Ich hab aber gerade gesagt, dass Unterscheidungen nicht nur zwei Seiten hervorbringen, sondern auch eine Grenze, die rissig ist und das eine in der trennenden Verbindung auf das andere bezieht und sich einmischt – die als ein Drittes die Binarität stört. Das nennt man Differenz-Logik, oder die Logik des eingeschlossenen-ausgeschlossenen Dritten und wird in der Zeit, als Prozess des Differenzierens gedacht.

Naja gut, man könnte jetzt sagen, das mag das ja sein mit der Differenzlogik bei Konzepten wie dem von Gerechtigkeit, denn die sind menschengemacht.
Aber bei der Geschlechterdifferenz gibt es den natürlichen Körper. Der ist schon da, bevor ich ihn schreibend-definierend her-stelle – Fleisch und Weichteile bestätigen den Sinn meiner Bezeichnungen. Der Körper ist der sinnvolle Referent, den meine Zeichen neutral wiederholen oder repräsentieren. Die Grenzen sind hier stabil, es gibt entweder Frauen oder Männer. Penisse stehen für sich und brauchen keine trennend-verbindende Differenz zu dem was sie nicht sind, um steif und fest, das zu sein, was sie sind: Männlich.
– eindeutig zweideutig höhö.. *hust*

Wir wollen Eindeutigkeit, wir wollen sicher sein, dass unsere Beschreibungen von Körpern verlässlich sind – besonders wenn es um Wissenschaft geht, die nämlich Wissen schafft.

Wie steht‘s denn um das Verhältnis unseres Denkens zur Welt? Was ist die Beziehung von Bezeichnung und Material?

Gott beauftragt in der Genesis Adam die Tiere zu benennen.  Also in Gottes Namen, geben Menschen dem Lebenden Namen und was im Namen Gottes geschieht, ist ja immer ziemlich sinnvoll…
Rainer Maria Rilke fürchtet sich vor der Menschen Wort, weil die Benennung
der Dinge Gesang verstummen lässt:
„Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.“ – durch die Benennung
Gilles Deleuze (das ist ein Philosoph) erklärt, dass es ein Irrtum ist, davon auszugehen, dass die sichtbaren Dinge ihren Sinn murmelten, und unsere Sprache ihn nur noch aufzulesen bräuchte.

Was begründet den Sinn unserer Sprache? Gibt es eine Identität von Zeichen und Sinn, z.B. im körperlichen Referenten, der selbst vor seinem und für seinen Namen steht und seine Bedeutung ist. Oder war im Anfang nicht das Ding, sondern das Wort, nicht Identität sondern Differenz (Die Grenze, die Definition)?

Und damit zurück zum Sport:

2009 gab es einen Fall bei der Leichtathletik WM. Eine 800 Meter-Läuferin war so schnell, so muskulös, dass ihr Geschlecht bezweifelt wurde. Sie war kein verkleideter Mann, aber ihre Performance ging nicht als ‚weiblich‘ durch.
Der IAAF – der internationale Leichtathletikverband – veranlasste einen „Gender Verification Test“ – der ihr wahres Geschlecht bestimmen sollte.
Vielleicht könnte man ja ihre Un-Weiblichkeit im Chromosomen-Satz nachlesen? (der murmelt nämlich den Sinn des Geschlechts)

Bei der Idee, dass sich die geschlechtliche Entwicklung auf zwei Chromosomenpaare zurückführen lässt gibt es viel Kritik: So sind die XX (weiblich) oder XY (männlich) -Paare nicht allein für die Geschlechtsentwicklung verantwortlich und es gibt sogenannte Aberrationen, die nicht in der einfachen Unterscheidung männlich oder weiblich aufgehen (z.B. beim Turner Syndrom, bei dem Frauen nur ein X Chromosom haben).
Also, weder lassen sich die Chromosomenpaare eindeutig nach der Geschlechterdifferenz aufteilen noch geben sie die notwendige Information über die geschlechtsspezifische Fähigkeit zum Muskelaufbau, die bei Frauen anders sein muss als bei Männern – denn im Sport funktioniert die Geschlechterdifferenz als die Unterscheidung von mehr und weniger Muskeln:
Weiblich bedeutet weniger leistungsfähig als männlich. Männliche Dominanz im Bezug auf Muskelmasse, Stärke, Ausdauer ist deshalb die Maßgabe für beide Geschlechter:
Das eine ist, das andere weniger als männlich. Deshalb ist Weiblichkeit auch abwertend, wenn man läuft wie ein Mädchen…

Die Athletin, die 2009 zu schnell war um Frau zu sein, blieb nicht in diesem Rahmen der zweiseitigen Unterscheidung. Sie stieß an die Grenze. Sie berührte sie nicht nur, sie schien zu verkörpern.
Im Wettkampf mit seiner auf die Hundertstelsekunde genauen Leistungstrennung, erschien sie als weder weiblich noch männlich, was, wenn wir ein entweder weiblich oder männlich voraussetzen, ausgeschlossen wird.

Obwohl ihr Körper nicht weniger materiell ist als der Körper einer eindeutig weiblichen Person, scheitert an ihm die Unterscheidung, die Kategorien können ihn nicht beschreiben. Der vorausgesetzte Sinn, die Vor-stellung von „Weiblichkeit“ findet hier keinen stabilen Referenten – ihr Körper verkörpert nicht die vor-geschriebene Seinsweise.

Wenn die Unterscheidung also an einer zu starken Frau scheitert – warum sollte sie dann für alle anderen Körper einfach zutreffend sein?

Vielleicht sind auch die Körper, so wie die menschengemachten Konzepte, nicht einfach da, sondern werden in einem Rahmen her-gestellt, der im Sport alle und nur die Athletinnen als Frauen definiert, die Weiblichkeit im Unterschied zu Männlichkeit, als ein Weniger an Leistungsfähigkeit, verkörpern.
Das eindeutige Geschlecht ist dann nicht Ursache, sondern Effekt der ihren Effekt im Nachhinein voraussetzenden Unterscheidung. Und die Grenzgänger_innen sind nicht Aus_nahme, sondern die Regel.

Der internationale Leichtathletikverband erklärt nicht eindeutig weibliche Körper dennoch zur Abweichung und diagnostiziert Hyperandrogenismus – eine Überproduktion an männlichem Hormon – und verlangt die Behandlung im Namen der Fairness, auf dass sie die normative Weiblichkeit verkörpern.
Die Unterscheidung des entweder oder wird stabilisiert und die Grenze zur Krankheit erklärt.

Wir können nicht alles Lebende individuell benennen –
Wir haben nicht genügend Worte. (selbst wenn es mehr als Tausend sind)
Die Frage ist, wie wir mit den Kategorien umgehen.
Hüten wir sie wie ein spießiger Kleingärtner seine Verandaplatten und kärchern mit Hochdruck das Unkraut aus den Fugen?
Erklären wir das Abweichende für krank und verordnen eine Behandlung in irgendeinem Namen?
Oder versuchen wir, die Individualität nicht nur zu er-, sondern anzuerkennen.

Im Anerkennen des notwendigen Scheiterns der Unterscheidung können wir uns entscheiden, dass Gerechtigkeit nichts mit Ordnung und Reinheit zu tun hat.

Das war die Philosophie der Dekonstruktion.

Danke”

Lektüreempfehlung:

Wer mehr zur Philosophie der Dekonstruktion wissen möchte, kann zum Beispiel bei Judith Butler (Körper von Gewicht), und den Franzosen Jacques Derrida (Différance, Struktur, Zeichen und Spiel), Michel Serres (Der Parasit) und Gilles Deleuze (Das Sagbare und das Sichtbare (Wissen)) reinlesen… Zur kritischen Betrachtung der Geschlechtsentwicklung empfehle ich Heinz Jürgen Voß (Making Sex Revisited, http://heinzjuergenvoss.de/). Und hier noch ein schönerAufsatz zu Geschlechtstests von April Vannini und Barbara Fornssler in einer Zeitschrift für Kulturwissenschaften bzw. Cultural Studies:http://csc.sagepub.com/content/11/3/243

Meine Bachelorarbeit zur Produktion eines intersexuellen Körpers im ‘Fall Semenya’ ist noch etwas ausführlicher als mein Slam und findet sich in der Bibliothek der Uni Konstanz.

Hier der Link zu den Regeln der IAAF – man muss etwas runterscrollen, zur Überschrift “IAAF Regulations Governing Eligibility of Females with Hyperandrogenism to Compete in Women’s Competition – In force as from 1st May 2011“ http://www.iaaf.org/about-iaaf/documents/medical


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