Kommentar zu Joko und Klaas

Aus Bescheidenheit Schweigen: von moralischer Bescheidenheit

Joko und Klaas haben sich in einem Video zur rechten Hetze deutscher Faschist*innen geäußert. Ihr Video ist gut. Sie erreichen ihre Zielgruppe. Sie wählen klare Worte – auch wenn diese Klarheit zeitweilig beleidigend ist und Beleidigungen nicht immer für Klarheit gehalten werden sollten. Sie distanzieren sich und verurteilen Rassismus und sehr viele hören ihnen zu. Es ist wichtig und gut, dass sich so bekannte Leute mit einer so großen Reichweite gegen rassistische Hetze und gewaltvolle Sprache, gegen Gewalt gegenüber Geflüchteten aussprechen.

Refugees welcome – egal aus wessen Mund, ist ein guter, ein wichtiger Ausspruch.

Zu Anfang ihres Videos fragen sich Joko und Klaas vor ihren Zuschauer*innen, ob sie die Richtigen sind, um etwas gegen Rassismus und rechte Gewalt zu sagen. Die beiden sind für Klamauk und Unterhaltung bekannt, die nicht unbedingt immer niveauvoll ist und nicht unbedingt alle anspricht, auch gar nicht alle ansprechen will. Warum sollen sich diese beiden moralisch äußern, sagen, was richtig ist, was menschenverachtend und falsch ist? Natürlich ist das eine Rhetorik, die den Weg ebnen soll, um die beiden nicht als Moralapostel misszuverstehen, die für sich beanspruchen, immer das Richtige zu tun (was sie nicht tun und was keine*r tut). Sie entscheiden sich trotz dieser Bedenken dafür, zu sprechen, weil man ihnen zuhört und natürlich, weil es richtig ist. Ihr rhetorisches Zögern legen sie in ihrer Unterhaltungsshow nicht an den Tag. Es ist ihnen egal, ob sie allen gefallen, ob es alle sehen und hören wollen, wenn Joko sich mit einer Socke unterhält. Während es aber bei der Socken-Unterhaltung durchaus relevant ist, wer das alles sehen möchte, schließlich geht es hier um die Quote, bedarf es keiner großen Reichweite, um es wagen zu können gegenüber Ungerechtigkeit den Mund auf zu machen.

Es ist nicht notwendig, die ‚richtige‘ Person zu sein, um angesichts eines brennenden Hauses, den Versuch zu starten, zu löschen. Es ist egal, wie viele dir dabei zusehen, wenn du löschst und ob es allen gefällt. Ich muss mich nicht fragen, ob die Person, die gerade Rassismus, Hetze und Gewalt verbreitet, mich ernst nehmen kann und von mir hören möchte, dass ihr Verhalten ungerecht und falsch ist. Wenn ich zögere und mir überlege, ob es vielleicht gar nicht mein Bier ist, das die Person verbal verschüttet, in das sie spuckt, auf das sie tritt. Ob ich vielleicht besser still bin, weil ich selbst Fehler mache, mal rassistisch bin, manchmal sexistisch, oft lächerlich und unbedeutend. Während ich in aller Bescheidenheit also zögere, brennt das Haus weiter, erfahren die in der rassistischen Hetze Gemeinten weiterhin Gewalt.

Wenn ich angesichts der Ungerechtigkeit überlege, ob ich die*der Richtige bin, etwas zu sagen, stelle ich mir die falsche Frage. Vielleicht geht es bei meinem Zögern gar nicht darum, mich nicht als Moralapostel zu erheben, sondern, dass ich damit stören könnte. Gefalle ich den Leuten, wenn ich mich gegen Rassismus äußere? Wenn ich ihnen Scheinheiligkeit, Menschenfeindlichkeit und rassistische Gewalt vorhalte? Nein, damit störe ich sie, es gefällt ihnen nicht, die Gefahr besteht, dass sie deshalb aufhören, mich zu mögen. Joko und Klaas verstehen das auch und verlangen sogar von den rechten Fans damit aufzuhören, sie zu mögen – „entliked uns auf Facebook, entfolgt uns bei Twitter, wir wollen nicht, dass ihr uns applaudiert.“

Es ist klar, dass man sich mit solcher Kritik nicht besonders beliebt macht. Es muss aber auch klar sein, dass es im Einsatz gegen Rassismus nicht um die eigene Beliebtheit geht. Es geht darum, dass die hetzende, menschenverachtende Parolen skandierende Person zu hören bekommt, dass sie falsch liegt und bei mir keine Zustimmung findet. Es geht darum, dass Menschen darunter leiden, dass es so viele hinnehmen, wenn es brennt. Dass so viele nicht den Mut aufbringen, ihre Empathie und ihren Respekt Menschen gegenüber auszudrücken, die verletzt und nicht gehört werden, weil sie sich nicht trauen ihre Beliebtheit aufs Spiel zu setzen. Vielleicht sprechen auch viele nicht, weil sie die Menschen, verstellt durch den Rassismus der Parolen und der Politik, gar nicht mehr sehen können.

Es geht aber nicht darum, dass oder ob ich mit meinem moralischen Standpunkt den Leuten gefalle, sondern, dass ich für die Würde und Unversehrtheit von Menschen einstehe.

Wenn nun die rassistischen Äußerungen gar nicht eindeutig rechte Hetze sind, sondern vernünftig zu sein scheinen; wenn mir eine, auf die Wichtigkeit der Ökonomie pochende Person in empathieloser Rhetorik im Sinne von „Das Boot ist voll“, „Wir können nicht alle aufnehmen“, „die sind arm und können hier nicht arbeiten“ die Frage stellt, „Was wird aus Deutschland, wenn alle kommen?“ Kann ich nicht einfach rufen, „du bist ein erbärmlicher Trottel, niemand stimmt dir zu“. Nicht, weil es keine erbarmungslose Perspektive ist, die sich zwar umsichtig, schließlich denkt sie an die Wirtschaft und den Nationalstaat, gibt, und aus (nachgerade trotteliger) Ignoranz gegenüber globalen Zusammenhängen entsteht. Sondern, weil dieses Reden Mainstream ist. Dem Mainstream gegenüber zu treten ist noch viel schwerer als sich von einer gefährlichen Minderheit gewaltbereiter Nazis zu distanzieren. Die Verstrickung von Rassismus, Reichtum und wirtschaftlicher Macht anzusprechen. An die Verbrechen der Kolonialzeit zu erinnern und auf die Verantwortung, die aus ihnen erwächst, hinzuweisen. Die Frage nach der Herkunft der eigenen Privilegien zu stellen, zu zeigen, dass es nicht die Neonazis sind, die tödliche Grenzzäune errichten, sondern die EU-Politik einer Regierung, die unsere Interessen vertreten soll, ist viel schwieriger als ein „Schämt euch ihr erbärmlichen Trottel“, zu rufen.

Kritik am Mainstream begreift die eigene Position mit ein, wenn man zur privilegierten Mehrheit der Nicht-Geflüchteten gehört, wenn man sich in dem ‚Wir‘ und ‚Unser‘ der Deutschen, weißen Verteidiger*innen der Arbeitsplätze und des Wohnraums (auch ungewollt) repräsentiert weiß. Dann spricht man nicht gegen, als Minderheit an den Rande der Gesellschaft abschiebbare, Nazis als die Vertreter*innen des Rassismus. Dann spricht man womöglich gegen die eigenen Freund*innen, Eltern, Kolleg*innen, Arbeitgeber*innen oder Lehrer*innen und über die eigene Beteiligung am Elend und Leid anderer. Das Böse ist plötzlich sehr nah und die Distanzierung erfordert zunächst einmal Selbstreflexion. Die Konfrontation trifft nun Menschen, die man sogar sehr mag und von denen man sich legitimerweise wünscht, weiterhin gemocht zu werden. Diese Menschen kann man nicht einfach moralisch abwerten, beschimpfen und verachten. Sie will man überzeugen, ihre Perspektiven verändern, nicht einfach gegen, sondern mit ihnen sprechen, weil ihre Ängste, nicht wie bei Pegida vorgeschobener Grund für hasserfüllte Parolen sind, sondern ehrliche, ungebildete Mainstream Vernunft. Das macht es schwerer, den moralischen Standpunkt zu vertreten. Das macht es schwerer in aller Klarheit zu sprechen, weil man nicht einfach beleidigen kann, sondern erst einmal selbst begreifen muss, was falsch ist, wie groß und gar nicht randständig das Problem ist und wie viele eigentlich kritisiert werden müssten. Das ist eine viel größere Aufgabe, als die in dieser Perspektive einfache Verurteilung von rechter Hetze (die dabei natürlich nicht ihre Wichtigkeit verliert).

Es verlangt Feingefühl und ist oft sehr anstrengend. Es verlangt eine Kommunikation, die (historische und heutige) Schuld anspricht, ohne damit jedes Weitersprechen zu blockieren. Es bedarf einer Aufwertung von Empathie und Mitgefühl als Empfindungen, die nicht zweitrangige Haltung der Gutmenschen sind, sondern in jeder Entscheidung handlungsleitend sein sollten. Die moralische Haltung, die einer solchen empathischen und respektvollen Kommunikation zugrunde liegt, löst mich dabei keineswegs aus meiner Beteiligung im System von Privilegierung und Diskriminierung. Sie macht mich nicht zum besseren Menschen – der Einsatz für Menschenrechte ist ohnehin kein Wettbewerb um den Titel “bester Mensch mit Moral und goldendem Zeigefinger”. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass Menschen, deren Rechte verletzt werden und deren Leben auf dem Spiel steht, als Menschen gesehen werden, denen zu helfen absolute Priorität haben muss. Es hat nichts mit Vernunft zu tun, zuerst an den deutschen Finanzhaushalt und dann an das Leben von Geflüchteten zu denken. Und es hat nichts mit Bescheidenheit zu tun, mich zu fragen, ob ich die oder der Richtige bin, mich gegen Rassismus und für die Rechte von Menschen einzusetzen.

Wie wollen wir leben und welches Leben gönnen wir anderen? Was für ein “Wir” soll die Menschen repräsentieren, als die wir sprechen? Wer gehört alles zu den Menschen, deren Würde unantastbar ist? Wer ist alles Mensch in unserem Wir? Die Beantwortung dieser Fragen ist unsere Verantwortung als Menschen. Jede*r Einzelne trägt sie und ist hoffentlich nicht bescheiden still, wenn Vernunft-Kalkül und Hass mit dem “Wir” der Menschen nur noch “uns Deutsche” meinen wollen.


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