Anschlussunterkunft in Konstanz-Egg

In Konstanz-Egg auf der schönen Egger Wiese ist eine Anschlussunterkunft geplant für Geflüchtete, denen Asyl gewährt wurde. 40 Leute sollen hier, nachdem sie mindestens schon 24 Monate in Deutschland in einer Gemeinschaftsunterkunft verbracht haben, eine Wohnung bekommen, in der sie angemessen wohnen und für längere Zeit bleiben können.
Die Egger sind demgegenüber unterschiedlich eingestellt. Viele, die sich beim Treffen mit dem Gemeinderat auf der Wiese versammelt haben, finden sie hätten, meist unter Berufung auf die Dauer wie lange sie schon in Egg wohnen, was ein bisschen wie eine Auszeichnung vorgetragen wird – schon 25 Jahre! – ein Recht auf die Egger Wiese als Spielplatz. Es geht dann um die Kinder, die in Konstanz nichts mehr wert zu sein scheinen und keinen Raum zur freien Entfaltung haben. Es wird an „die Mamas“ appelliert, die sich fragen sollen, wo ihre kleinen Kinder denn noch spielen können? Der Fernseher und die dunklen Zimmer werden auch heraufbeschworen, in denen die Kinder heute alle verkümmern. Das ist nicht polemisch, sondern wurde mit dazugehörigem ZEIT-Artikel in der Hand und aus vollem Herzen für „Unsere KinderTM“ vorgetragen.
Es wird auch danach gefragt wie viele Flüchtlinge in anderen Stadtteilen aufgenommen werden, denn proportional zur Einwohnerzahl in Egg (wo auch die meisten Kinder leben – proportional) und dann auf ganz Konstanz hochgerechnet, müssten insgesamt 4000 Flüchtlinge aufgenommen werden, was mit der angepeilten Zahl von 1100 nicht übereinstimmt. Diese Rechnung zeugt nicht von einem sinnvollen Blick auf die Situation. „Proportionalität“ klingt nach Verhältnismäßigkeit, „Zuständigkeit anderer Stadtteile“ klingt nach einem trotzigen, „wenn wir müssen, dann die auch“. Die Pflicht das Asylrecht angemessen zu erfüllen wird implizit als Belastung formuliert, die Egg in unfairem Maße träfe. Dabei wird immer wieder mit Nachdruck betont, dass es nicht um Geflüchtete und das Asylheim ginge. Es sei egal was gebaut würde, denn es geht um den gemeinschaftlich nutzbaren Raum, den Spielplatz (der wirklisch schön ist), der nicht halbiert und mit einem Gebäude, ganz gleich für wen, besetzt werden solle.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gemeinschaftlich nutzbarer Raum von großer Bedeutung ist für jede Gemeinde und jede Stadt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass andere Bauprojekte auch auf Gegenwehr stoßen würden. ABER – ein Aber, das anders klingt, als das übliche, moralisch absichernde „ich habe nichts gegen Asylheime, Aber“ – ABER es geht nicht um irgendein Bauprojekt, sondern gerade eine angemessene Unterkunft für Geflüchtete mit Asylrecht, die hier her gekommen sind, weil sie Schlimmes erlebt haben und ihre Heimat (ihr eigenes, nun von Gewalt und Krieg und Not heimgesuchtes Egg) verlassen mussten. Deshalb kann und darf die gut bürgerliche Gegenwehr sich nicht wie gegen jedes andere Bauvorhaben richten. Diese Gleichsetzung von Anschlussunterkunft und lukrativem Mehrfamilienhaus macht die Argumentation nicht besser, sondern schlechter.

Die weiteren Beiträge, die sich erfreulicherweise nicht gegen das Asylheim auf der Egger Wiese richten (und mehrfach in unterschiedlichen Worten eingebracht werden), drehen sich um Infrastruktur und Architektur. Es gibt keinen Laden, keine zufriedenstellende Busanbindung, kein Café in Egg. Größe und Räumlichkeiten der Unterkunft müssen in den Ort eingepasst werden. Vielleicht kann ja zusätzlich ein Raum der Begegnung geschaffen werden – kultureller Austausch und eine Willkommenskultur schweben als Ideen im Raum. „Ja, aber nicht auf der Egger Wiese“ wird zu „OK, das kann schön sein, aber mit Anbindung und Sinn für den gemeinschaftlichen Raum.“
Dann wird wieder gestöhnt, menschliche Pflicht gegenüber Geflüchteten, die Idee des Teilens von Reichtum und Frieden auf andere Ortschaften, andere Räume, wenigstens weg vom Spielplatz verschoben. Es gibt leer stehende Gebäude, an die die Stadt nicht rankommt. Es gibt städtische Flächen, die auch genutzt werden könnten, sowie Flächen, die der Universität gehören und zur Verfügung gestellt werden könnten. Es gibt die Angst, dass nach Egg noch viel mehr Menschen kommen als nur vierzig, weil so viele Menschen fliehen müssen. So viele, dass der Ort – fast hört man die gefährliche Rhetorik der Schlagzeilen „Flut, Ansturm, Strom“ – und das Gebäude überfüllt werden.

Die Vertreter*innen des Gemeinderats gehen auf die Fragen und Beiträge ein und bringen immer wieder Ruhe in die Diskussion. Es muss darum gehen „Wie wir es schaffen, nicht ob wir es schaffen.“ Derzeit ‚wohnen‘, euphemistisch gesprochen, Menschen in der Zepellin Turnhalle in Konstanz. Menschen mit Asyl und Bleiberecht können nicht aus den Gemeinschaftsunterkünften, weil es keine Räume für die Anschlussunterbringung gibt. Das Problem ist da und es ist groß. Größer als der Wunsch nach einem Spielplatz.

Ein Abwägen der Rechte auf gemeinschaftlichen Raum darf nicht zum Ausspielen von Egger Bürger*innen gegen Geflüchtete (die nichts entscheiden durften) führen. Die Not ist größer bei jenen, die um ihr Bleiberecht kämpfen mussten, als bei denen, die schon 25 Jahre in Egg leben. Es geht nicht nur um die Egger Kinder, sondern auch um die Kinder von Geflüchteten, die gerade mit viel zu wenig Privatsphäre und k(l)einem Spielplatz in Gemeinschaftsunterkünften leben. Es geht schlicht um mehr als dörfliche Familienidylle.


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