Birdman – Filmrant

Birdman. The unexpected virtue of ignorance

Starke Bilder. Großartiger Soundtrack. Herausragend gute Schauspieler*innen. Doch inhaltlich ist Birdman nur das feige Zischeln eines Patriarchats, das sich nicht getraut die eigenen Risse zu thematisieren, sondern sich in die Ignoranz verzieht, die sich zum Größenwahn aufbläht und den Wunsch des starken Heldentums nur halbherzig hinterfragt. Der Film erzählt von einer Krise der Männlichkeit. Einer Männlichkeit, die emotionalen Problemen, Ängsten vor dem Alleinsein, dem nicht Genügen und dem Altern, nicht vielmehr entgegen zu setzen hat als Gewalt- und Machtfantasien.

Der Hauptcharakter Riggan ist alt geworden. Früher war er Darsteller eines Superhelden mit Superkräften (die natürlich etwas mit Herrschaftsansprüchen und Gewalt zu tun hatten), mit dem er sich mehr als identifizierte. Er war der Birdman und wird von diesem heimgesucht. „Was ist aus dir geworden, alter Mann. You motherfucker?“
Riggan versucht sich am Broadway als Autor, Regisseur und Schauspieler in seiner Adaptation des Stückes „What We Talk About When We Talk About Love“. Es endet mit der dramatischen Szene eines Mannes, der sich vor seiner Ex und deren neuen Freund erschießt, weil sie ihn nicht liebt. Der Charakter versteht nicht, warum er um Liebe betteln soll. Er bestraft die Frau, in dem er sie mit der Schuld an seinem Tod belastet. Sie sagt „I’m sorry“, dafür, dass sie ihn nicht lieben kann. Er stirbt mit einem trotzigen blutigen Knall. Das Stück im Film erzählt natürlich etwas über Riggan, der es inszeniert und performt.
Es ist sehr erfolgreich. Riggan könnte seine Erfüllung im Theater sehen. Doch es steht ihm eine innere Stimme im Weg, die von ihm verlangt, zurück in sein Kostüm zu schlüpfen, wieder Superheld, der Birdman zu werden, der über allen fliegt, der frei ist und mächtig. Die Fantasie einer alten Männlichkeit, die um nichts bitten muss, sondern kriegt, was sie verdient – alles.

Eine weitere männliche Figur ist der jüngere Schauspieler Mike, den Riggan für sein Stück engagiert. Er ist im selben Maße talentiert wie arrogant. Der Ex-Birdman, der immer im Mittelpunkt stehen muss, fühlt seine Karriere bedroht und prügelt sich mit ihm. Männlich, doch auch ein wenig lächerlich, was der Film dankbarer Weise zur Schau stellt.
Der Erfolgsschauspieler Mike hat Potenzprobleme und will seine Freundin spontan auf der Bühne vor Zuschauer*innen vergewaltigen, weil er endlich einen hoch kriegt. Der Arme kann nur auf der Bühne er selbst sein, sonst gibt es keinen Ort für Männer wie ihn. Sein Ständer ist groß. Er braucht Raum und nimmt ihn sich. Seine Freundin, die Schauspielerin Lesley, versucht sich in schreiender Wut aus dem Gefühl der Ohnmacht zu lösen, das er durch sein gewaltvolles, grenzüberschreitendes Begehren auslöste. Ihr Versuch ihre Würde zurückzugewinnen ist wenig erfolgreich, weil der Film ihr dafür keinen Raum gibt. Sie fällt in eine dreiminütige Krise des Selbstwertgefühls. Riggan tätschelt ihr das Gesicht und lobt sie für ihren Auftritt wie ein gönnerhafter Vater, der weiß was das Mädchen hören will. Auch sie hat Angst vor Bedeutungslosigkeit, auch sie fühlt sich nicht sicher in der Welt, doch ist sie kein Thema, sondern Nebenfigur, weibliches Beiwerk, das nach der männlichen Bestätigung ruft und für eben diese zuständig ist. Der lesbische Kuss, in den sich die weibliche Solidarität zwischen den Kolleginnen Lesley und Laura verwandelt, wird von Mike unterbrochen, der nachdem er angeschrien und mit einem Föhn beworfen wurde nur feststellt, sie sei wohl nicht bereit zu reden. Ein kleiner ironischer Lacher, ein unterhaltsamer Kuss und vergessen ist der Vorfall, der doch keinen interessiert. Wie trist, wie realistisch.

Es geht um Männer und ihre Probleme, keine Zeit für Frauen. Außer natürlich die sexy junge Tochter Sam, deren Arsch von Mike kommentiert werden muss. Die Tochter ist zunächst abweisend und will dann doch unbedingt mit dem Schauspieler schlafen, der mit ihrem Vater konkurriert und diesem gleichwohl sehr ähnlich ist. So sind sie die traurigen Töchter, die aus der Entzugsklinik kommen, sie wollen doch nur von Daddy geliebt werden.

Die Theaterkritikerin Tabitha, die einzige Frau im Film, die in tatsächlicher Konkurrenz zu Riggan steht, weil sie reale Macht hat, konfrontiert ihn mit einer starken Kritik, die allerdings auf der etwas schlichten Trennung von Theater als high und Mainstreamfilm als low culture gründet. Sie wird mit dem unverhohlen misogynen Spruch eingeführt, sie sähe aus wie eine, „die gerade den Arsch eines alten Mannes geleckt habe“. Riggan erklärt, sie solle sich ihre Kritik in den „schrumpeligen, verkniffenen Arsch“ schieben. Vulgäre und frauenfeindliche Sprüche sollen Coolness und männliche Abgeklärtheit kommunizieren und sind doch peinliches Gelaber.
Die intellektuell überlegene Frau kann immer auf körperlicher Ebene herabgemindert werden. Du bist nicht sexy, du bist nichts. Zwar steht auch der alte Körper Riggans unseren Blicken zur Verfügung, doch kann er in einer durchaus komischen Szene in Unterhosen über den Time Square Manhattans laufen und mehr Würde behalten als Tabitha, obgleich sie bekleidet bleibt. Bis in einem Mainstream-Film eine sechzigjährige Frau in Unterwäsche den Time Square Manhattans durchqueren kann, muss noch viel geschehen. Das wäre ein Tabubruch. Tatsächlich filmisch zu verlangen einen weiblichen Körper nicht zu sexualisieren. Tatsächlich einer Frau ihren Körper zurückzugeben, den sie behalten kann, wenn sie es will, weil sie das Begehren nicht wollen muss, weil sie kein Ornament ist, dass der Öffentlichkeit zu gefallen hat. Doch der Film interessiert sich nicht für die weibliche Perspektive, nicht einmal als Nebensache. Der Film will die gewaltige Männlichkeit im bröckelnden Patriarchat beweinen.

Film wie auch innerfilmisches Theaterstück stellen die merkwürdig offensichtlich pseudo-romantische Frage nach der Liebe, die vormals alleinige Aufgabe der Frauen war. Nun da Frauen nicht mehr bedingungslos lieben, gilt es ein neues Männerbild zu erfüllen. Eines das lieben kann, ohne dabei dem eigenen Geltungsdrang anheim zu fallen, Bewunderung mit Zuneigung zu verwechseln. Das ist zu viel verlangt für den Birdman. Männer mit solchem Ego geben keinen Raum für die Nähe zu Menschen, sie kommen nicht mal mit ihrer eigenen Haut klar. Riggan beschimpft den eigenen leicht schrumpeligen Körper als Truthahn mit Leukämie und imaginiert sich lieber als Superheld. Die Drohung der eigenen Schwäche, die Unfähigkeit sich anderen in seiner Verletzlichkeit zu zeigen, ist vielleicht das größte Problem des emotional unterentwickelten Riggan. Es verlangt ganz andere (Super)Kräfte als die, mit einem Fingerschnippen Häuser in die Luft zu jagen. Der Film traut sich nicht, in die Verletzlichkeit seines Ex-Superhelden einzudringen. Zwar bröckelt der Männlichkeitspanzer, doch die Schwäche springt schnell über in (selbst)zerstörerischen Größenwahn. Als der nach einem verzweifelten Suff verkaterte Riggan auf einer Treppe nächtigt, weckt ihn sein Birdman-Alter-Ego mit dem Spruch, er sehe mongoloid aus. Körperliche Schwäche, jegliche Behinderung ist ganz offensichtlich eine Beleidigung, welche die Birdman-Männlichkeit von sich weist und gewaltvoll reproduziert.

Ein starker Moment ist jener, in dem ihm seine von ihm in ihrer Kindheit vernachlässigte Tochter anschreit, „you don’t matter!“. Die Thematik der Angst vor dem Unbedeutend-Sein, die sich breit macht und Macht über die Charaktere gewinnt, ist spannend, doch wird sie nicht mit der sensiblen Intelligenz verfilmt, die sie nötig hat. So schiebt das verletzte Mädchen trotz ihrer starken Wut ein trauriges „Dad“ hinterher und erlaubt zugleich die hohle Versöhnung, die sich nicht nur im Kuss mit dem Arschloch Mike manifestiert.
Schließlich inszeniert der Ex-Birdman das Spektakel seines eigenen Selbstmords auf der Bühne im vollen Theater. Er wird sein von der Liebe enttäuschter Charakter. Er schießt mit scharfer Waffe auf sich vor den Augen seiner Exfrau im Publikum. Sie hat er den Dialogen zufolge nicht nur hintergangen, sondern auch mit körperlicher Gewalt bedroht. Er überlebt. Sie verzeiht ihm. Kümmert sich fürsorglich nach seinem Selbstmordversuch, der jener eines im eigenen Geltungsdrang abdriftenden Irren ist, der sich doch für den Birdman hält oder halten will und Superheld bleiben mag, auch wenn der nicht gefragt ist.
Seine Tochter bringt ihm Blumen ins Krankenhaus, die gut duften, was er nun nicht mehr zu riechen vermag, da er sich die Nase wegschoss – zu spät für liebevolle Nähe, vom Superheldendrang gegen das zarte Schöne immunisiert.

Der verletzte Mann, der sich die Schwäche verbietet, springt schließlich aus dem Fenster, im Glauben fliegen zu können. Ein wenig durchdachter surrealer Abschluss, der im Blick der Tochter endet, die nicht einen zerstörten alten Mann am Boden sieht, sondern in den Himmel guckt, in dem nun doch auch sie den fliegenden Birdman sehen will. Der Blick einer weiblichen Figur, die nicht die Projektion einer enttäuschten Männlichkeit erfüllt, wäre interessant gewesen. Der faule Fokus auf die männliche Perspektive, welche die Ignoranz, die im Untertitel steht, nicht zu entlarven vermag; die filmische Vernachlässigung der Nebenrollen, die charakterlich legitim, aber erzählerisch zu flach ist, entzieht dem Film die Kraft, die er hätte haben können.


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