Hart aber fair: Befindlichkeiten und die Gefühle der anderen

In der Sendung vom 07.09.2015 wird exemplarisch beobachtbar, dass die Vorwürfe gegen Feminist*innen und deren Argumente häufig eine Positionsumkehr beinhalten. Jene, die emotional und aggressiv auf Kritik an Heteronormativität, Sexismus und Rassismus antworten, werfen ihren Kritiker*innen Weinerlichkeit und Übertreibung vor. Jene, die wütend und unsachlich über die Absurdität von „Ampelweibchen“ und der, aus ihrer Perspektive offenkundigen Irrelevanz von Unisextoiletten reden, verwenden auf die Verteidigung der leuchtenden Männchen und der zweigeschlechtlichen Toiletten-Trennung sehr viel Energie. Jene, die das generische Maskulinum überhaupt nicht stört, „weil Sprache keinen Einfluss auf ihr Denken habe“, stört wiederum die Veränderung der Sprache durch das Gendern so sehr, dass sie es als Wahn und Irrsinn abwehren müssen. Dabei verlachen sie selbstbewusst die Übertreibung solcher „Sprachkosmetik“, wissen sich jenen kleinlichen Sprachpolizist*innen überlegen, die von den Gefühlen derjenigen faseln, die sich ausgeschlossen oder durch das N-Wort verletzt fühlen, sind aber selbst nicht imstande eine sprachliche Veränderung, die sie vorgeblich gar nicht betrifft, geschehen zu lassen. Ihre eigenen Gefühle und ihr Recht auf das Ignorieren der Gefühle anderer stehen dabei im Vordergrund und werden mit der Herabminderung ihnen fremder „Befindlichkeiten“ zu rhetorischer Sachlichkeit erhoben.

Erfolgreiche Menschen, die in dieser Gesellschaft einen Stand haben, den sie als Standpunkt öffentlich in Regierung, Gesetz, Aufsichtsräten und medialen Repräsentationen vertreten wissen, verteidigen ihr Recht auf eine unkritisierte Meinung und beanspruchen für sich Minderheitenstatus. Eine Kritik an Diskriminierungsstrukturen, die den Stand eines erfolgreichen Anwalts und FDP-Vorsitzenden, den Stand einer Publizistin und weißen, wohlhabenden Ehefrau und Mutter und jenen einer jungen, normschönen Schauspielerin unfair bevorteilen, wird gefühlsbetont als übertriebener Angriff auf die „guten alten Werte“ bezeichnet, und die eigene Stereotypisierung beklagt. Während auf den anderen Sendern im Abendprogramm fröhlich der Transvestit, der mit der pinken Federboah schwingt, als Transgender-Repräsentant vorgestellt wird, der Homosexuelle als schwuler Modedesigner mit einer Hand in der eingeknickten Hüfte seinen Prosecco schlürft, die Lesbe gar nicht existiert, die ‚hässliche‘ Feministin einfach noch nie ein Kompliment bekommen hat und Roberto Blanco als wunderbarer N. bezeichnet wird.
Das N-Wort endlich wieder aussprechen, weil es nur die überempfindlichen Schwarzen verletzt, eine irrelevante Minderheit in der Minderheit. Transgender wieder als abwegige sexuelle Orientierung verstehen dürfen, statt als anzuerkennende Geschlechtsidentität. Die Ignoranz des Mainstreams als Recht verteidigen, weil es diesen eben nicht interessieren muss, ob Intersexuelle, Queer-Personen und Frauen* sich in der Sprache repräsentiert oder gemeint wissen können, ob ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Identität respektiert wird. Die Pathologisierung von gesellschaftlich als abnormal und Normabweichung wahrgenommenen Menschen als „faktisch“ bezeichnen und die Kritik daran als hypersensiblen Wahn abtun. Frauen sagen dürfen, dass sie schlechte Mütter sind, wenn sie arbeiten gehen und Karriere machen wollen. Frauenkörper ‚endlich wieder‘ unverkrampft sexualisieren und klar machen, dass sie dem Begehren anderer ausgeliefert sind und sie das zu freuen hat. „Natürlich“ rufen, wenn es um die Förderung der Hetero-Ehe geht und, „ist halt einfach unnatürlich“ sagen, wenn Homosexualität aufgewertet werden soll. – Das sind die Freiheiten für die sich Kritiker*innen der Gender-Studies, Queer-Theory und des Feminismus einsetzen. Sie nennen sie Meinungsfreiheit, um ihr das nötige Gewicht zu verleihen und gleichzeitig ihre realpolitisch diskriminierend-verletzende Wirksamkeit zu verschleiern, „ist meine Meinung, das werd ich wohl noch sagen dürfen“. Sie positionieren sich als diejenigen, die sich ‚noch‘ trauen offen zu diskriminieren, was einen bewundernswerten Mut abverlangt angesichts ihrer anerkannten Identitäten, ihres Wohlstands und der Distanz zu denjenigen, die in ihrem Mainstream und ihren „guten alten Werten“ nicht vertreten sind. Dabei bedienen sie sich der Formel, „es hat sich doch schon einiges getan“, und meinen damit, dass es nun auch mal Schluss sein muss, mit dieser Emanzipation (eine Frau ist schließlich Kanzlerin). Die Kritik an den immer noch etablierten Normen und dem immer noch gewaltvollen Sexismus, wird in ihren Augen zur Übertreibung, zur Befindlichkeit.

Wer kann wessen Argument als Befindlichkeit abtun und wessen Gefühle werden zur fundierten Kritik erhoben? Wer kann die eigenen Gefühle als abstrakte Repräsentation einer sinnvollen Ansicht versachlichen und wessen Perspektive muss als Beispiel für die hypersensible Minderheit herhalten?
Die Beantwortung dieser Fragen, die abstrakter formuliert die Definitionshoheit über Relevanz und Ernsthaftigkeit der Beiträge ansprechen, verdeutlicht worum es eigentlich geht: um Macht, die die einen noch nicht haben und die anderen nicht abgeben wollen.
Sachlichkeit und Selbstkritik tun einer Diskussion über die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse gut. Das Abstrahieren von den eigenen Gefühlen und das Überblicken eines Gesamtzusammenhangs sind unbedingt von Nöten. Nicht allerdings diejenigen, die behaupten die Emanzipation sei schon erlangt, weil Angela Merkel Kanzlerin ist, haben den sachverständigen Überblick der Lage. Mit dem Abtun und Leugnen von Problemen, die immer noch durch Hetero-Sexismus (und Rassismus und Ableismus) verursacht werden, kann jede Gegenposition mit dem Vorwurf der Übertreibung und Ungenügsamkeit konfrontiert und zum Schweigen gebracht werden. Das ist eine Strategie, welche den Status quo und jene, die in diesem eine machtvolle Position einnehmen, vor Veränderungen und der schmerzhaften Einsicht an Diskriminierungen beteiligt zu sein, schützt.
Es ist allerdings sachlich betrachtet z.B. das beleidigte Beharren auf der Höherbewertung einer heterosexuellen Ehe, die nicht nur Meinung, sondern staatlich gefördertes Programm ist (Ehegattensplitting), ein Ausdruck von Befindlichkeiten, die einer sachlichen Diskussion über Gerechtigkeit im Weg stehen. (So ist z.B. ganz klar, dass es einer Frau, die es sich finanziell leisten kann, frei steht, als Ehefrau und Mutter keiner Lohnarbeit nachzugehen. Es ist allerdings mindestens diskussionswürdig, ob das staatlich finanziell stärker unterstützt werden muss als Elternteile, die alleinerziehend für ihre Kinder sorgen und als unverheiratete Paare.) Es ist die Behauptung, ein Mann* wisse gar nicht mehr, wie er flirten solle, die übertreibt und keinen Bezug zur sachlichen Beobachtung hat, dass zu viele Frauen* von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Es ist die verdrehte Unterstellung, Frauen,* die sich für die Hilfe von Frauen* einsetzen, die von partnerschaftlicher Gewalt betroffen sind, seien dagegen, dass auch Männern*, die Gewalt erfahren, geholfen wird, die absurd ist. Es ist die Priorisierung einer Diskussion über Meinungsfreiheit mit der himmelschreienden Übertreibung, der Vorschlag die Sprache zu Gendern und Diskussionen über die Relevanz von Gender Studies nicht unter dem Titel „Deutschland im Genderwahn“ zu führen, sei Zensur, die lachhaft ist.
Die Meinungsfreiheit wird von den Ideen, die sich z.B. in den Gender-Studies Bahn brechen, nicht angegriffen. Die gesetzliche, kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Vertretung von Meinungen jedoch, die in ihren Ausprägungen diskriminierende Wirkung haben, steht tatsächlich zur Diskussion und wird im Gerede von Zensur durch Gendermainstreaming und Political Correctness engstirnig und aggressiv verteidigt. Mit dem Titel „Was darf zu Mann und Frau gesagt werden?“ so zu tun, als wäre unklar, wie respektvolle Kommunikation funktioniert, weil das Gendermainstreaming nicht mehr im Sinn habe als unproduktiv-chaotische Verunsicherung der Norm, ist schade und für jene, die sich ernsthaft mit Feminismus auseinandersetzen, wiederholt hochgradig frustrierend.


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